Vereinbarkeit von Pflege und Beruf - ein Gewinn für alle

Das Thema Pflege ist aus unserer Gesellschaft und damit auch aus unserer Unternehmenswelt nicht mehr wegzudenken, im Gegenteil. Immer öfter zeigt sich die Brisanz des Themas. Angefangen vom akuten Notstand in deutschen Pflegeeinrichtungen bis hin zur notwendigen Vereinbarung von Berufstätigkeit und Pflegeverantwortung.

Pflege – ein hochaktuelles Thema und doch noch ein Tabu

  • WEIL es bereits 2011 in Deutschland 2,5 Millionen Pflegebedürftige mit Pflegestufe gab und bis 2030 knapp 3,4 Millionen prognostiziert sind. (Destatis: Pflegestatistik 2011).
  • WEIL aufgrund des demografischen Wandels der Anteil Pflegebedürftiger an der Gesamtbevölkerung bis 2030 auf 4,4 Prozent ansteigen wird.(Destatis (2010): Demografischer Wandel in Deutschland Heft 2: Auswirkungen auf Krankenhausbehandlungen und Pflegebedürftige im Bund und in den Ländern)
  • WEIL heute rund 70 Prozent der Pflegebedürftigen in häuslicher Pflege versorgt werden, davon 67 % durch Angehörige (meistens Frauen).
  • WEIL es jeden von uns betreffen kann, kaum planbar ist - ganz anders als das Thema "Familienplanung" - und in vielen Fällen von heute auf morgen eintritt.
  • WEIL viele Betroffene sich scheuen, den Arbeitgeber mit ins Boot zu nehmen - aus Angst vor Benachteiligung, aus Schamgefühlen etc.

Wie Du Dir denken kannst, gibt es neben diesen offiziellen Zahlen eine nicht unerhebliche Dunkelziffer. Also Menschen, die hilfsbedürftig sind, ohne eine Pflegestufe beantragt oder anerkannt bekommen zu haben. Experten gehen davon aus, dass über drei Millionen Menschen in Deutschland dieser Kategorie zuzuordnen sind, die auch hauptsächlich von Angehörigen unterstützt werden und die ebenso in den kommenden Jahren deutlich anwachsen wird.

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5 gute Gründe für mehr Vereinbarkeit in Unternehmen

Und als ob diese Zahlen nicht schon deutlich genug sind, so hat eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach* herausgefunden, dass fast jedes zweite Unternehmen (44 Prozent) darum weiß, dass Beschäftigte sich um Angehörige kümmern; bei großen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten sind es sogar zwei Drittel der Unternehmen (66 Prozent).

Also ein Thema, dass heutzutage in Unternehmen nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden kann, sondern einmal mehr auf die Agenda gesetzt und zur Sprache gebracht werden muss. Häufig werden fehlende Budgets oder Zeit als Grund genannt, weshalb das Thema Vereinbarkeit nicht vorangetrieben wird. Mit dem Ergebnis, dass diese Unternehmen auf beachtlichen betrieblichen Folgekosten mangels Vereinbarkeit sitzenbleiben. Konkret sprechen wir dabei von Folgekosten in Höhe von insgesamt 18,94 Milliarden Euro pro Jahr, d.h. pro Beschäftigtem mit Pflegeaufgaben: 14.154,20 Euro jährlich.

Wir meinen: Grund genug, das Thema verbindlich und mit Blick nach vorn anzugehen.

Hier für Dich 5 gute Gründe für mehr Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

  • Reduzierung von Fehlzeiten, krankheitsbedingten Ausfällen und Kündigungen!
  • Erhaltung der Arbeitskraft und Gesundheit der Mitarbeitenden!
  • Stärkung der Motivation und Produktivität der Beschäftigten!
  • Mitarbeiterbindung und Know-how-Erhalt wirkt Fachkräftemangel entgegen!
  • Steigerung der Attraktivität des Unternehmens und damit klare Pluspunkte im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte!

Wenn Du nun auch sagst: „Ja, stimmt. Gründe genug, um endlich Lösungen zu finden und das Thema Vereinbarkeit aus der Schublade herauszuholen.“, dann findest Du hier noch ein paar hilfreiche Ideen, wie Du - besonders aus der Rolle als Führungskraft oder Personaler*in - aktiv den Prozess mitgestalten und unterstützen kannst:

1. Raus aus der Tabu-Zone

Pflege geschieht oft im Stillen und wird selten laut thematisiert. Doch das Darüberreden zahlt sich aus und unterstützt eine pflegesensible Unternehmenskultur. Und gerade auf diese hast Du als Führungskraft oder Personaler*in maßgeblich Einfluss.

Du kannst Dich bspw. dafür einsetzen, dass regelmäßige Informationsveranstaltungen zum Thema Pflege angeboten werden. Dort können interessierte Beschäftigte dann erfahren, wie sie mit Pflegesituationen umgehen, welche Schritte sie im konkreten Pflegefall einleiten und welche Möglichkeiten der Versorgung sie in Anspruch nehmen können. Dieses Angebot unterstützen u.a. Experten div. sozialer Dienste.

Du kannst für Austausch mit anderen Unternehmen sorgen, so dass ihr gemeinsam von den Erfahrungen profitieren und aus ihnen lernen könnt. Bspw. gibt es Unternehmen, die für Mitarbeitende mit pflegebedürftigen Angehörigen einen monatlichen Gesprächskreis anbieten, der von externen Experten (bspw. den sozialen Diensten) moderiert wird. Neben einem professionellen Austausch in entspannter Atmosphäre werden auch externe Experten*innen zum Thema Pflege eingeladen

2. Informell schlägt formell!

Es gibt glücklicherweise einige gesetzliche Grundlagen, die im Laufe der vergangenen Jahre geschaffen wurden und nun von pflegenden Angehörigen in Anspruch genommen werden können: Stichworte sind hier Pflegezeitgesetz, Familienpflegezeit oder auch das Gesetz über Teilzeitarbeit. Wichtig ist, dass die Mitarbeitenden darum wissen, um bspw. in einer Akutsituation ein erstes Auffangnetz zu haben.

Doch das Thema Vereinbarkeit umfasst viele weitere Aspekte, die durch diese Gesetze nicht aufgefangen werden und wo es dann individuelle Lösungen für oftmals langandauernde und sich verändernde Pflegesituationen braucht. Hier bist Du als Führungskraft oder Personal*in ein(e) ganz wichtiger Partner*in, denn jede Pflegesituation ist anders! Was der zu pflegende Angehörige im Einzelfall braucht, kann nur in einem gemeinsamen Dialog herausgefunden werden. Und das offene Ohr und echte Interesse an der Situation des Einzelnen ermöglichen Vertrauen – die Basis um miteinander eine für alle Beteiligten gute Lösung zu finden. Eine Lösung, die so vielfältig sein kann, wie die Pflegesituation selbst es ist:

  • angefangen von einem reservierten Parkplatz für eine gewisse Zeit,
  • über eine temporäre Teilnahme an Teammeetings via Skype etc.
  • bis hin zu einer dreimonatigen „Schnupperteilzeit“ oder „Schnupper-Homeoffice“, und vieles, vieles mehr.

3. Ja, warum denn nicht?!

Eine Frage, die Innovationsgeist und Offenheit fördert. Zwei Komponenten, die für die Lösungsfindung enorm wichtig sind und dabei helfen, neue Ideen nicht sofort im Keim zu ersticken. Denn die passende Unterstützung braucht manchmal auch Wege, die bisher noch nicht gegangen worden sind. Erfahrungsgemäß öffnet die Frage "Warum denn nicht?" eine wichtige Tür und lädt alle Beteiligten ein, Ideen auszuprobieren, um aus der Praxis, statt aus dem theoretischen Abwägen zu lernen.

Ja, dazu gehört eine Portion Mut und Durchhaltevermögen, um auch einmal unbequeme und neue Wege zu gehen. Ein wichtiges Lernen für alle, das Bindung schafft und stärkt!

Ein Gedanke zum Abschluss

Was tun, wenn aus Pflege Trauer wird? Das Thema Tod, das in einigen Situationen unweigerlich dazu gehört, ist oftmals ein zusätzlicher Grund, weshalb das Thema Pflege mitunter so stigmatisiert oder tabuisiert wird. Für viele ein schweres Thema, mit dem eine Hilflosigkeit einhergeht, die oftmals in einer Sprachlosigkeit mündet. Was Du als Führungskraft oder Personaler*in konkret tun kannst, wenn aus einem Pflege- ein Trauerfall wird, dazu findest Du in unserem Blogartikel „Mein Chef kneift nicht, wenn`s schwierig wird“ wertvolle Impulse.

Mit diesen Informationen im Gepäck wünschen wir Dir nun gutes Gelingen, um Vereinbarkeit in Deinem Unternehmen anzusprechen und anzugehen. Das Unternehmen behält eine wichtige Arbeits- und Fachkraft und der/die Beschäftigte kann seine/ihre Erwerbstätigkeit mit der Pflegeverantwortung vereinen.

Unter dem Strich ein Gewinn für beide Seiten!

Herzlichst,
Andrea & Christine

Wir l(i)eben Gesundheit!


*Institut für Demoskopie Allensbach (2010): Vereinbarkeit von Pflege und Beruf: Eine repräsentative Bestandsaufnahme unter Berufstätigen, im Auftrag des BMFSFJ

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