Trauerkultur in Unternehmen - nur was für Weicheier?

Neulich entdeckten wir in der Samstagsausgabe der regionalen Tageszeitung etwas, das wir kaum glauben konnten. Noch ein zweites Mal gelesen, ja, es war tatsächlich so: ein großer Arbeitgeber hatte zwei Todesanzeigen geschaltet. Zwei pensionierte Mitarbeiterinnen waren verstorben. Zwei Namen, zwei Geburtsdaten, zwei Sterbedaten. Das war schon alles, worin sich die Anzeigen unterschieden. Ansonsten identischer Text: „Wir durften …. als treue und engagierte Mitarbeiterinnen kennenlernen … in aufrichtiger Trauer … etc“. Offensichtlich arbeitet das Unternehmen mit Textvorlagen. Und offensichtlich – so hoffen wir zumindest – haben zwei unterschiedliche Mitarbeitende unabhängig voneinander die Todesanzeigen veranlasst. Dummer Zufall.

Lass‘ uns mal kurz in die Welt der Angehörigen eintauchen, die genauso wie wir beim Samstagsfrühstück die Zeitung aufgeschlagen haben. In ihrer Trauer gerade sehr verwundbar, lesen sie für ihren geliebten Menschen – vielleicht die Partnerin, die Mutter oder die Schwester – dieselben Beschreibungen wie für eine weitere Person. Ist das wertschätzend? Ist das aufrichtig? Wohl kaum. Und in der fragilen Gefühlswelt der Angehörigen wohl eher ein Tritt vor’s Schienbein.

Nun fragst Du vielleicht: ok, echt blöd gelaufen, aber ist das nicht zu viel Gefühlsduselei? Schließlich handelt es sich ja um ehemalige, pensionierte Mitarbeitende. So what!? Aber: es könnte ja gut sein, dass Menschen, die derzeit noch in diesem Unternehmen beschäftigt sind, den Faux Pas ebenfalls wahrnehmen. Und was mögen die wohl denken? Auch für sie ein klares Signal, weniger als Mensch und Individuum, sondern eher als austauschbare Massenware gesehen zu werden. Nicht gerade ein Motivationsschub, um am Montagmorgen mit Freude ins Büro zu gehen.

Trauerkultur: kleine Dinge – große Wirkung

Jedes Unternehmen ist von Trauer betroffen, ob Pensionäre oder Mitarbeitende aus dem aktiven Berufsleben versterben. Und genau in solchen emotionalen Situationen kann ein Unternehmen Flagge zeigen. Dazu braucht es kein großes Budget und keinen aufwändigen Prozess. Es braucht lediglich ein klares und stimmiges, also zum Unternehmen passendes, Trauerkonzept und einen oder zwei Verantwortliche, die sich im Fall der Fälle darum kümmern.

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Hier sind unsere TOP 3 – Ideen, wie auch Dein Unternehmen Flagge zeigen kann:

1. Kondolenzkarte

Am liebsten ganz old school mit der Hand geschrieben. Es braucht auch keine Karten mit vorgedrucktem Trauerspruch, denn ob der wirklich zur individuellen Situation passt, ist schwer abzuschätzen. Und mitunter wirken sie etwas abgedroschen.

Und: bitte keine Textbausteine! Jede Situation ist anders. Für die Angehörigen eines Pensionärs findest Du andere Worte als für den Partner einer 35-jährigen Mitarbeitenden. Das mag sehr banal klingen, stellt sich aber in der Praxis oft als Herausforderung dar. Was hilft: stell‘ Dir vor, welche Worte Dir persönlich in dieser Situation Trost spenden würden und welche eher nicht.

2. Zeitungsanzeige

Eigentlich schade, dass heute nur noch größere Unternehmen eine Traueranzeige schalten. Ist sie doch eine gute Möglichkeit, auch nach außen ein Zeichen zu setzen, Mitgefühl zu zeigen und eine menschliche Unternehmenskultur zu signalisieren.

Wichtig: bitte schalte eine Zeitungsanzeige nie über den Kopf der Angehörigen hinweg! Frage sie, ob es ihnen Recht ist. Und wenn ja, dann ist es wichtig, sie erst nach der privaten Anzeige oder gleichzeitig mit ihr erscheinen zu lassen. Keinesfalls vorher.

Und auch hier: bitte keine Standardtexte! Es ist üblich, neben den beruflichen Stationen im Unternehmen auch etwas zur Persönlichkeit des Verstorbenen zu schreiben. Wenn Du diesen nicht persönlich gekannt hast, dann frage Menschen im Unternehmen. Frage Kollegen nach gemeinsamen Erlebnissen. Lass‘ Dir erzählen, wie er oder sie so getickt hat. Und dann formuliere daraus zwei oder drei ganz individuelle Sätze. Hier darf und soll es menscheln!

3. Erinnerungsrituale

Wenn Menschen aus einem Unternehmen versterben, macht das immer auch etwas mit den (ehemaligen) Kollegen. Auch sie trauern. Und zwar jede/r auf seine eigene Weise. Das aufzugreifen und den Emotionen Raum zu geben, ist auch ein wesentlicher Teil einer wertschätzenden Trauerkultur. Dabei sind die Möglichkeiten vielfältig:

  • Das klassische Kondolenzbuch als Buch der Erinnerung nutzen: Du kannst es an einer für alle zugänglichen Stelle auslegen und später den Angehörigen übergeben. Ermutige die Kollegen dort aufzuschreiben, was sie gemeinsam erlebt haben oder wie sie den Verstorbenen in Erinnerung behalten. Vielleicht zunächst ungewohnt, ziehen erfahrungsgemäß viele Menschen nach, wenn ein paar „Mutige“ den Anfang gemacht haben.
    Wenn Menschen aus dem aktiven Dienst versterben, kannst Du auch ein Bild mit Trauerflor auf dem Schreibtisch aufstellen, dazu eine Blume und das Kondolenz- bzw. Erinnerungsbuch.
  • Es gibt auch Online-Kondolenzbücher, die Du über das Intranet nutzen kannst.
  • Das Teammeeting: sich an gemeinsam Erlebtes, an die eine oder andere Anekdote gemeinsam zu erinnern, wirkt befreiend, ist also Balsam für die Seele. Und ganz nebenbei tust Du etwas für den Team-Zusammenhalt, denn Erinnerungen zu teilen schweißt zusammen.

Trauerkultur - ein wichtiges Puzzlestück gesunder Unternehmenskultur

Eine lebendige, offene, zugewandte Trauerkultur sollte in allen Unternehmen etabliert sein, denen ihre Mitarbeitenden wirklich am Herzen liegen. Und das reicht eben über den Tod hinaus! Sie ist also keineswegs nur etwas für Weicheier!

Du suchst noch nach Argumenten, die ganz klar für ein umfassendes Trauerkonzept sprechen? Bitteschön:

  • Wertschätzende Trauerkultur hat Signalwirkung an ALLE Mitarbeitenden: wir sehen unsere Mitarbeitenden als Mensch, nicht nur als Arbeitskraft. Das motiviert und steigert am langen Ende sogar die Produktivität.
  • Wertschätzende Trauerkultur stärkt die Mitarbeiterbindung: in Zeiten des Fachkräftemangels eine der wichtigsten Ressourcen überhaupt.
  • Wertschätzende Trauerkultur steigert die Attraktivität als Arbeitgebermarke: denn wer sich auch über die existenziellen Themen Gedanken macht, wirkt vertrauenswürdig.

Unser Angebot

Gerne beraten wir bei der Entwicklung eines passgenauen Trauerkonzeptes. Wenn Du dazu Fragen hast, dann nimm` gerne Kontakt mit uns auf!

Herzlichst,
Christine & Andrea

Wir l(i)eben Gesundheit!

Aus dem 2care Blog