Gesunde Lehrkräfte

... ein großes Geschenk für uns alle: SchülerInnen, Schule und Gesellschaft!

Im letzten Blog-Artikel „Gesunde Schulzeit“ haben wir uns kopfüber in die Vision guter gesunder Schule gestürzt und vielleicht auch Dich damit für die Wichtigkeit und Aktualität dieses Themas in unserer Gesellschaft begeistern können.

Heute nehmen wir Dich mit zu einer der tragenden Säulen im System Schule: den Lehrerinnen und Lehrern. „Lehrer/-in sein“ ein Beruf, der sich heute mehr denn je, zu einer extrem anspruchsvollen Tätigkeit entwickelt hat. Vereinzelt kommt diese Entwicklung auch - endlich - in der Gesellschaft an, dennoch gibt es in unserer Wahrnehmung viele Menschen, die sie immer noch nicht sehen (wollen).

Glaubst Du nicht? Ist aber so!

Tatsächlich begegnen uns in Gesprächen immer noch Menschen, die nicht als Lehrer tätig sind, mit Äußerungen wie: „Ach, die Lehrer ... die jammern doch auf hohem Niveau. So viel Ferien, bei dem Gehalt, hat doch sonst keiner.“ Oder „Ja, Lehrer möchte ich sein – bestbezahltester Halbtagsjob und ab 14 Uhr frei.“ Klingt nach Plattitüden? Ja, das finden wir auch. Leider wird aber genau mit diesen der heutige Lehrberuf oftmals immer noch klein und definitiv viel zu klein gemacht. Wir könnten uns natürlich jetzt fragen, was sagt der- oder diejenige mit einer solchen Äußerung eigentlich über sich selbst aus, aber darum soll es hier und heute nicht gehen.

Wir möchten den Blick auf die Tatsache lenken, dass es immer noch viele Menschen in der Gesellschaft gibt, die ein verklärtes Bild vom heutigen Schulalltag bzw. Lehreralltag haben. Es scheint anhand solcher und ähnlicher Äußerungen vielen immer noch nicht klar zu sein, in welchem Spannungsfeld der Lehrberuf heute steht und mit welchen Belastungen und Herausforderungen engagierte Lehrerinnen und Lehrer heute konfrontiert sind. Ok, wir sprechen hier nicht von ALLEN und JEDEM. Wir kennen jedoch durch die Begleitung verschiedener Schulen mittlerweile so viele Lehrkräfte, die mit Herzblut ihrer Berufung folgen (möchten). Leider ist es bei einigen (und die Zahl steigt) gar nicht in der Form möglich, wie sie es möchten und wie es gesund wäre, denn sie brechen Schritt für Schritt unter der Last der wachsendenden Herausforderungen zusammen, verlieren Mut und Kraft, reduzieren ggfs. ihre Stunden oder scheiden schlimmstenfalls ganz aus dem Schuldienst aus.

Tatsachen schaffen – Lehrer befragen

Zunächst einmal ein paar Fakten für Dich, die das gesamte Thema – vor allem mengenmäßig – einrahmen: nach einer offiziellen Statistik des Schulministeriums von 2014/15 unterrichten in NRW tagtäglich

  • 194.800 Lehrer/innen
  • 2.547.676 SchülerInnen
  • in 101.013 Klassen.
  • Fast 84% der LehrerInnen arbeiten davon in Vollzeit.

Wir finden: das sind beeindruckende Zahlen. … und da wir „von außen drauf geschaut“ viel schreiben können, wie es um die Gesundheit dieser Lehrkräfte heute bestellt ist, möchten wir reale Tatsachen schaffen und haben diejenigen gefragt, die es tagtäglich betrifft: die Beteiligten selbst.

Dazu haben wir 4 Lehrerinnen aus verschiedenen Schulformen (von Grundschule über Förderschule bis zur Gesamtschule) 3 Fragen zu ihrem erlebten Schulalltag gestellt. Sie berichten uns über ihre Erfahrungen, aktuelle Herausforderungen und Wünsche in punkto Lehrergesundheit. Die Ergebnisse sind bemerkenswert und teilweise wirklich beängstigend: umso wichtiger, dass wir alle sensibilisiert werden für das, womit Lehrer/innen heute tagtäglich konfrontiert sind.

Hier für Dich die Fragen samt einiger Antworten im Überblick. Wenn Du gerne tiefer einsteigen möchtest, findest Du alle Antworten im O-Ton hier.

1. Wie hat sich aus Deiner Wahrnehmung in den vergangenen Jahren der Schul- bzw. Lehreralltag am spürbarsten verändert?

Bei dieser Frage kommen wir – wie Du vielleicht schon ahnst - um die großen Themen unserer Zeit, wie u.a. Inklusion und geflüchtete Kinder, nicht herum. Die Lehrer/-innen sind tagtäglich mit vielen Problemen rund um diese beiden Themen beschäftigt und beklagen deutlich eine fehlende Unterstützung:

  • Ich persönlich bin dann betroffen, wenn wir als Sonderpädagogen in inklusive Schulsysteme abgeordnet werden und als Mahnmale für die Dinge degradiert werden, die gerade wegen der Inklusion nicht funktionieren. Alles Ärgernisse werden dann auf uns projiziert und wir sollen es dann richten.“
  • Ich persönlich habe 27 Kinder aus überwiegend sozial schwachen Familien bzw. mit Migrationshintergrund in der Klasse. … 3 teilweise traumatisierte Flüchtlingskinder ohne jegliche Deutschkenntnisse…. Ich bin fast immer allein in der Klasse und versuche alle im Blick zu haben. Es gibt leider viel zu wenig, personelle, finanzielle und fachliche Unterstützung.“

Als einen weiteren wichtigen Faktor benennen die befragten Lehrerinnen die heutige Elternschaft: in den vergangenen Jahren hat sich die Spezies der „Helikoptereltern“ entwickelt. Diese machen es den Lehrkräften teils mehr als schwer (vielleicht kennst Du den Kinofilm „Frau Müller muss weg“, der u.a. mit Anke Engelke in einer der Hauptrollen das Thema komödiantisch verpackt und so auf niedrigschwellige Art Relevanz für ein wirklich ernst zu nehmendes Thema schafft). Auch unsere vier Lehrkräfte kommen mit dieser und ähnlichen Entwicklungen immer wieder in Berührung:

  • Beklagte man vor einigen Jahren noch, dass sich viele Eltern zu wenig interessierten, hat man nun eher das Gefühl, dass einige Eltern ihre Kindern sehr stark unterstützen und beschützen wollen.
  • Eltern erhalten immer mehr Entscheidungsgewalt. Lehrern dagegen wird sie immer mehr genommen. So entsteht ein neues Entscheidungsgefälle…. Schon oft habe ich angreifende Elternbriefe gelesen, die Fehlverhalten ihrer Kinder eindeutig nicht nur billigen, sondern sogar erlauben.

2. Was sind aktuell Deine 3 größten Herausforderungen mit Blick auf Deinen gesunden Lehreralltag?

Bei dieser Frage erkennst Du, wie das Zusammenspiel aus äußeren und inneren Faktoren den Lehreralltag maßgeblich beeinflusst.

Zu den äußeren Herausforderungen benennen die Befragten u.a.:

  • Massive Verhaltensauffälligkeiten, die sich auch in Form von Gewalt gegen Mitschüler/innen und Lehrer/innen ausdrücken.“
  • Viel zu große Klassen mit teilweise sehr schlecht erzogenen Kindern, die wenig Werteerziehung vermittelt bekommen haben; dadurch verbunden viel Konfliktpotenzial, Unruhe, Lärm, Stress!“

Zu den inneren Herausforderungen spielen u.a. folgende Aspekte eine wichtige Rolle:

  • Eigene Grenzen setzen: wie auch immer man es nennen möchte, an der „Work-Life-Balance“… muss ich arbeiten. Als Lehrer hat man nicht so richtig Feierabend, denn irgendetwas vorbereiten, besser vorbereiten oder differenzieren, kann man immer.“
  • Wertschätzung suchen und finden: im Lehrerberuf … muss man für die Wertschätzung der eigenen Arbeit häufig Augen und Ohren sehr weit aufsperren und auch einfach mal deuten.“
  • Seinen Ansprüchen und dem einzelnen Kind nicht gerecht zu werden und sich dadurch immer unter Druck zu setzen!“

Dieser Mix aus äußeren Rahmenbedingungen und inneren Ansprüchen (und das ist hier „nur“ ein kleiner Ausschnitt) führt bei vielen Lehrern/innen zu einem Spagat, den sie dauerhaft nicht gesund bewältigen können. Wie ein schleichender Prozess zerreißt dieser ihre inneren Kräfte, die ursprüngliche Vision des Wirkens als Lehrer/in und die eigene gesunde Balance.

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Für uns ein weiterer Grund, um endlich wirkungsvolle Lösungen für einen gesunden Spagat zu suchen, zu entwickeln und mit Leben zu füllen. Mit der 3. Frage schauen wir deshalb gesund nach vorne.

3. Wenn Du das Thema „Lehrergesundheit“ an Deiner Schule mit Leben füllen könntest: was würdest Du als allererstes angehen und warum?

  • Die erste Baustelle wäre das Schulklima: wie geht die Leitung mit dem Kollegium um? Wie reagiert das Kollegium? Wie kann die gegenseitige Wertschätzung wieder hergestellt werden, um ein positives, produktives Miteinander zu schaffen?“
  • Ich würde zuerst das Thema Ruhe angehen. Mit dem Kollegium und den Kindern ein Konzept entwickeln…, wie man für mehr Ruhe im Unterricht, im Schulgebäude etc. sorgen könnte.“
  • „Entlastung schaffen! … neben dem ganz normalen Unterrichten, Vor- und Nachbereiten und Korrigieren, kommen Klassenleitungen mit allem was dazu gehört, immer mehr Konferenzen und Sitzungen (Inklusion), Arbeitskreise, Materialerstellungen etc. dazu. Wo etwas dazu kommt, muss bei einer ohnehin schon 100%igen Belastung irgendwo auch eine Entlastung folgen, sonst geht die Rechnung dauerhaft nicht auf. Dabei ist das „wie“ und vor allem „wie möglichst gerecht“ sicherlich eine große und nicht ganz einfach zu lösende Herausforderung.“

Auch hier wird deutlich, dass Lehrergesundheit kein einseitiges Thema ist: wenn wir wirklich spürbare Veränderungen erwirken und ermöglichen möchten, dann bringen diese - wie in jedem komplexeren System – einen Wandel auf mehreren Seiten mit sich. Es gibt äußere Rahmenbedingungen, die sich (je nach individueller Situation vor Ort) mehr oder weniger gesund wandeln müssen (wie bspw. das Implementieren von Ruheräumen etc.) und ebenso gibt es die Notwendigkeit, dass jede(r) einzelne Lehrer/in für sich schaut, was und wie er/sie einen gesunden Umgang - aus sich selbst heraus - mit den eigenen Herausforderungen findet.

Erst die Betrachtung und Berücksichtigung beider Aspekte – also die Verhältnis- UND die Verhaltensprävention - lassen das Thema „Lehrergesundheit“ im System Schule zu einem wirkungsvollen und wirklich nachhaltigen werden.

Glücklicherweise ist das Thema in der Landes-Schulpolitik schon vor einigen Jahren angekommen. Im NRW-Landesprogramm „Bildung und Gesundheit“ ist die Wichtigkeit der Lehrergesundheit ein ganz zentraler Bestandteil.

Damit sind wir heute nicht die einzigen, die wissen, dass es an der Zeit ist, dass Schulen sich mutig diesem Thema stellen. Auch und gerade in diesen bewegten Zeiten, in denen es zunächst vielleicht einfacher scheint zu sagen: „Nicht noch ein Thema, um das wir uns kümmern müssen. Das schaffen wir nicht auch noch“. Das Wichtige ist doch: hier setzen wir an einer tragenden Säule der Ursache an! Denn gesunde Lehrer/innen gestalten die gute gesunde Schule im wesentlichen mit - und umgekehrt.

Mit wirkungsvollen Formaten bieten wir von 2care Lehrern/innen eine ganz wichtige Hilfe zu Selbsthilfe an. Was zunächst als „Zusatz“ anmutet, wird schnell eine wichtige Quelle, die dem/der Einzelnen neue Kraft geben kann und neue Handlungsmöglichkeiten entdecken lässt, um die tagtäglichen Herausforderungen gesund zu meistern. Wir entwickeln dazu mit Schulen und deren Menschen gemeinsam individuelle und gesunde Formate, die machbar sind – nicht zu komplex, fair und vor allem am Bedarf der Menschen ausgerichtet – also auf den Punkt! Denn mit uns soll „Lehrergesundheit“ endlich Sinn machen und echte Wirkung zeigen.

Ein großes Danke!

... möchten wir an dieser Stelle an die vier Lehrerinnen aussprechen, die Dir und uns allen diesen ehrlichen Einblick ermöglicht haben. Denn – wie Du vielleicht herausgelesen hast – sind alle vier gerade damit beansprucht, einen ziemlich herausfordernden Schulalltag zu bewältigen. Dennoch haben sie uns zu diesem wichtigen Thema ihre Zeit und Gedanken geschenkt.

Wir wünschen nun Dir und allen Menschen, die das Thema "Lehrergesundheit" tangiert und im engsten Sinne berührt, den Mut, diesem wichtigen Thema Raum zu geben und immer wieder darauf aufmerksam zu machen! So kann nach und nach ein gesunder Wandel gelingen.

In diesem Sinne eine gesunde Zeit und herzliche Grüße
Andrea und Christine

Wir l(i)eben Gesundheit!

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